Eishockey-Oberliga, EV Pegnitz – EHC 80 Nürnberg, 29. Januar 1984

„Ich habe warme Schuhe dabei“ – Nicht alle beeindruckenden Ereignisse beginnen mit einem großen Satz. Mein Kumpel Rainer suchte noch Freiwillige, die sich das Franken-Derby in der Abstiegsrunde der Eishockey-Oberliga zwischen dem heimischen EV Pegnitz und dem EHC 80 Nürnberg mit ansehen wollten. Es gab an diesem Sonntag wohl wenig Alternativen, denn flugs waren drei „Desperados“ inklusive meiner Person bereit, zum Eishockey zu gehen. Schnell noch ein Check: Warme Schuhe, Pullover, warme Jacke und Schal vorhanden, Mütze vom Wirt entliehen. Lange Unterhose? Ach was – so schlimm wird’s nicht werden.

Was wir für die Eishalle hielten, war das Hallenbad

Draußen war es kalt, der Opel Manta hatte Sommerreifen, aber Schnee war nicht angesagt. Wir tigerten also an diesem 29. Januar 1984 zum Auswärtsspiel nach Pegnitz, nur schlappe 50 Kilometer von Nürnberg entfernt, im Sonnenuntergang. Die erste unangenehme Überraschung ereilte uns am Ziel. Die Temperatur war gefallen – 16 Grad unter Null: klasse! Nachdem wir jeder 2 Mark und 70 Pfennige für die Eintrittskarte entrichtet hatten (Studentenermäßigung), traf uns der zweite harte Schlag: Was wir für die Eishalle hielten, war das Hallenbad. Das Eisstadion lag rechts dahinter, hatte kein Dach und eine aus vier Betonstufen bestehende Tribüne, welche den Namen kaum verdiente. Dazu waren sie noch vereist – ganz toll.

Mit ungefähr 500 anderen inzwischen eingetroffenen Fans aus Nürnberg enterten wir die Gegengerade und krallten uns gleich einer Pinguin-Kolonie auf den Eisschollen fest. Die Temperatur sank weiter. Ich bereute schon jetzt, mitgefahren zu sein. Ralph, Mess und Rainer wärmten sich mit Sechsämtertropfen auf – danke! Ich musste ja noch fahren.

Von der Kälte gelähmt – 3:8 bei minus 20 Grad

Nach einer endlosen Vorstellung der Eismaschine ging es dann auch schon los. Dabei schienen die Unsrigen von der Kälte ähnlich gelähmt zu sein wie ich. Kaum etwas ging im ersten Drittel zusammen. Die Pegnitzer Paradereihe mit den Herren Cranz, Bohan und Thurston fuhr Kreisel um die 80er, und Galeta im Tor zog unseren Stürmern des Öfteren den Zahn. Da war es fast schon glücklich, dass unsere Verteidiger-Legende Helmar Kohn von der blauen Linie traf und der Rückstand nach dem ersten Drittel mit 1:3 überschaubar blieb.

Nach einem kurzen Aufwärm-Aufenthalt auf der Toilette tat sich ein neues Problem auf. Im Stadion gab es nichts zu essen. Keine Würstchen, keine Fischsemmel, keine Schokoriegel – NICHTS.

Gut: Zweites Drittel – es konnte nur besser werden. Es wurde aber nur kurz besser. Kreiner konnte auf 2:3 verkürzen, doch dann drehten die Hausherren gegen ratlos wirkende Nürnberger richtig auf. Allein Bohan traf vier Mal. Das Thermometer hatte sich auf minus 20 Grad eingeloggt (tiefer ging wohl die Anzeige nicht), der Hunger wurde größer und meine drei Kumpels wirkten leicht betrunken. Ich wollte weg.

„Lasst uns gehen und irgendwo was essen“ schlug ich nach Drittel zwei beim Stand von 3:8 gegen die Unsrigen vor. Die Antworten waren niederschmetternd. Ralph wollte bleiben, weil er noch nie eine zweistellige Niederlage gesehen hatte, Mess wollte unseren Spielern wenigstens noch ein paar Minuten geben und Rainer behauptete allen Ernstes: „Das drehen wir noch.“

Kurioser Penalty – Konfettiregen sorgt für Zwangspause

Es begann das Schlussdrittel und wir sahen einen Streifen Hoffnung am Horizont. Krüger erzielte in der 42. Minute das 4:8. Kurz darauf die Schlüsselszene: Nach Foul vor dem Pegnitzer Tor entschieden die Schiedsrichter auf Penalty. Nürnbergs Stürmerstar Hussenether trat an, semmelte den Puck gegen den Pfosten. Von dort sprang das Sportgerät an den Rücken des Torwarts und rollte aufreizend langsam ins Netz. Anstatt auf Tor zu entscheiden, unterbrachen die Herren Heil und Prell die Partie. Sie konsultierten erst einmal das Regelbuch, ob der Treffer anerkannt werden konnte. Nach quälenden vier Minuten in der Kälte kam das Tor-Signal. Der Moment, als unsere Spieler wieder an sich glaubten.

Irgendwie war es auch wärmer geworden.

In der Folgezeit mussten die Pegnitzer ihrem hohen Tempo der beiden ersten Drittel Tribut zollen. Auch Keeper Galeta zeigte jetzt Schwächen, besonders bei Schüssen von der blauen Linie. Kreiner erzielte noch vor dem Seitenwechsel im letzten Drittel das 6:8. Ein Doppelschlag in der 52. und 53. Minute durch Kohn und Ritter brachte das Unentschieden und eine längere Pause. Beim Ausgleichstreffer entglitt den Nürnberger Fans etwas viel Konfetti, das sich auf das Eis legte. Die Zamboni hatte noch einmal einen Einsatz – doch die Kälte war jetzt vergessen.

Hussenethers Husarenritt

Kaum eine Viertelstunde später ging es auch schon weiter. Doch der Schrecken kam zurück. Doppelte Unterzahl gegen den EHC. Aber jetzt waren die Spieler richtig heiß, warfen sich in die Schüsse und überstanden die kritische Situation. Man war schon dankbar für das Unentschieden, als Hussenether 2:15 Minuten vor Schluss auf die Strafbank musste. Noch einmal Unterzahl. Doch Pegnitz war konditionell am Ende. Die Hausherren konnten sich keine echten Chancen mehr erspielen. Besser noch: 15 Sekunden vor Schluss kam „Husse“ von der Strafbank zurück. Die Pegnitzer hatten ihn nicht auf dem Schirm. Er schnappte sich den Puck, steuerte allein auf Galeta zu und versenkte Sekunden vor dem Ende zum 9:8-Siegtreffer für den EHC 80.

Auf den vereisten Tribünen lagen die Fans

Sowohl auf dem Eis, als auch auf den Tribünen war keiner mehr zu halten. Es dauerte Minuten, bis man sich wieder sortiert hatte und die letzten Sekunden zu Ende gespielt werden konnten. Auf dem Eis lagen Helme, Schläger und Handschuhe, auf den vereisten Tribünen lagen die Fans. Unterkühlungen und leichte Prellungen waren jetzt nicht mehr spürbar.

Nachdem die verbleibenden Sekunden quälend langsam heruntergespielt worden waren, brandete noch einmal Jubel auf. Nach kurzer Zeit stellte sich aber Beruhigung ein. Jetzt hatte jeder die Kälte registriert und auch die Uhrzeit. Es war deutlich nach 23 Uhr.

Letzte Frage: Wo bekommen wir jetzt noch was zu essen? Selbst dieses Problem ließ sich in einer Gaststätte auf dem Weg zur Autobahn noch lösen. Zwei Scheiben Schweinebraten mit Brot (Kloß war aus) für sagenhafte 4,50 Mark.

Dieser Abend sollte für uns vier unvergesslich bleiben. Ob ich es am darauffolgenden Montag in die Uni geschafft habe, weiß ich leider nicht mehr.

Bericht: Hanns-Peter Holzberger, Foto: imago images, mit freundlicher Genehmigung von www.kicker.de

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